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Trampen in Portugal
2016-12-18
by InfiniteSummer
Trampen in Portugal
  •  Portugal
Trampen in Portugal. Ein Daumen. Ein Ziel. Die Kunst, tief ins Land einzutauchen und den vielen Geschichten Einheimischer zu lauschen. Hautnah, nie allein.
1 Daumen - 1 Ziel
#trampdichzumStrand!

Trampen? Ich bin noch nie getrampt. Zu seltsam fand ich die Vorstellung, mich mit ausgestrecktem Arm an die Straße zu stellen und meinen Daumen in die Luft zu recken. Ein Teil von mir hat hierbei nicht nur Respekt, sondern auch Angst. Ja, Angst. Denn als Frau, allein am Straßenrand, das ist nicht immer schön. All die vielen Blicke, die teils auch gierig-lüsternen der vorbeifahrenden Männer ... das ist kein Spaß.

Aber trampen, das wollte ich trotzdem gern mal ausprobieren. Gerade auch unter dem Aspekt, dass ein Mietwagen zur Hochsaison, der wir lachend in die Hände gerannt sind, ein Vermögen kostet. Statt 800 Euro - den Betrag muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, langsam, sehr langsam! Heftig, oder? - für einen Mietwagen auszugeben oder auf einen Bus zu warten, der nicht kommt ... beschlossen wir, zu zweit, zu trampen. Zu zweit ist nicht nur alles besser, zu zweit ist auch alles weniger gruslig.

Trampen? Aber es gibt doch auch Busse!

Auf unserem Weg vom Flughafen in Faro erprobten wir 4 Stunden lang das portugiesische Busnetz. Wir brauchten 3 verschiedene Busse, um immer noch nicht in unserem Homestay zu landen. Statt dessen strandeten wir in Lagoa. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn ein Bus, der fährt hier nur, wenn er es möchte. Vor allem Sonntags auch gern mal stundenlang nicht.

Weiß man das, ist es schon von Vorteil, denn häufig begegnen einem hier, am Rande der unendlichen langen Straßen, Haltestellen, an denen man nichts findet. Nur eine Bank. Zwischen Glasscheiben. Kein Plan. Und vor allem keine Ahnung, ob und wann hier jemals wieder ein Bus anhält.

Mein Anlass zu sagen: Lass uns trampen. Lass uns das wirklich mal ausprobieren. Ich hatte vorher viel darüber gehört, wie es sein sollte - dieses Daumenraus in portugiesischen Gefilden. Vorwiegend, dass es sehr schwer ist. Vor allem aber auch, dass die Portugiesen sehr skeptisch sind. Und so waren wir alle zusammen skeptisch. Jeder ein Stück für sich.

1 x 1 des Trampens

Ich hatte viel über's Trampen gelesen: Seh freundlich aus, verdeck deine Augen nicht mit einer Sonnenbrille, lächel, seh vertrauenserweckend aus und vor allem: sei bloß nicht zu verwahrlost oder verdreckt. Vergiss nebenbei nicht, dass der Ort auch entscheidend dazu beiträgt. Denn anhalten wird niemand an einem Punkt, an dem es die Straße nicht zulässt.

Stell dich in die Nähe von Auffahrten, in Einfahrten für Bushaltestellen - an Orten, wo jemand stoppen kann, ohne den Verkehr zu behindern oder dich und sich zu gefährden. Klang einleuchtend! Ich hatte sogar Schilder gebastelt. Die Vorzeige-Tramperin sozusagen.

Ich hatte auch gelesen, es wäre einfacher, an einer Tankstelle eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Wobei Mitfahrgelegenheit bekanntermaßen doch für andere Fahrarten steht. Vielleicht sollten wir es daher eher folgendermaßen nennen ...

Go hitchhiking, meet a local!

Idealerweise konnte ich meine ersten Schritte "Trampen" gleich an einer Tankstelle erproben. Und scheiterte gnadenlos! Wir lernten vier Menschen kennen. Einen Mann und eine Frau, die uns sehr verwirrt ansahen und abwinkten. Einen Einheimischen, der uns auf portugiesisch ausführlich erklärte, wie wir laufen müssen (leider sprechen wir die Landessprache nicht) und uns erst um eine Zigarette anschnorrte und anschließend, als hätten wir uns noch nie gesehen, um einen Euro für einen Cappuccino bettelte. Auch eine Idee. Unser vierter Reisender war ein Mann mit Sohn, der uns gern mitgenommen hätte, aber leider zurück nach Faro fuhr. Falsche Richtung. Zumindestens heute. Blöd.

Die erste Ernüchterung. Scheinbar ist es doch nicht so leicht. Statt uns wieder an der Bushaltestelle niederzulassen, beschloss ich einfach, dass wir uns doch wenigstens in Richtung Ziel bewegen können. Eigentlich waren wir nämlich gar nicht mehr soweit von unserem Homestay entfernt ... eigentlich! Und so ging es Schritt für Schritt in Richtung Ziel.

Die Sonne prall und erhaben über uns, kurz nach der Mittagszeit, ohne Hut, ohne Sonnencreme - nur ein Schluck Wasser. Kann man machen, sollte man lassen. #nichtdiebesteIdee
Die Aussicht, den Weg in der Hitze Fuß für Fuß vor mir hersetzend zu verbringen, widerstrebte mir bei der abstrusen Wärme. Zurückgehen aber auch. Denn ja, vielleicht waren das nur 30 Grad, aber 30 Grad in Portugal sind ganz anders als 30 Grad in Deutschland. Die Hitze erdrückt dich, Stück für Stück, bis du irgendwann mit hechelnder Zunge auf der Straße liegst und dir nur eins wünscht: Wasser.

1 Daumen = 1 Ziel

War ab sofort meine neue Mission. Kurz bevor ich das erste Mal meinen Daumen hinaushielt, kam ich mir seltsam vor. Mir war es richtig peinlich. Ich kicherte ein wenig. So als würde ich es nicht ernst meinen, so fühlte ich mich. Tat ich auch irgendwie gar nicht, weil ich dachte, es würde eh niemand anhalten. Fest in meinen Gedanken war verankert, dass es in Portugal schwer bis fast unmöglich ist zu Trampen. Wer sollte also schon anhalten?

Zwei Sekunden später quietschten die Reifen neben mir.

Ich wusste weder, wo das Auto so schnell hergekommen war, noch was uns in dem Auto erwarten würde. Vielleicht würden wir es gar nicht überleben! Vielleicht werden wir jetzt verschleppt! Waaah! Ich hatte keine Zeit mehr, mir Horrorszenarien auszumalen. Aus dem Auto sprang bereits der Fahrer heraus, rannte zum Kofferraum, öffnete ihn wie selbstverständlich und half uns, unser Gepäck einzuladen.

Ein Moment so vertraut, so fremd zugleich, öffneten wir die Hintertüren und ließen uns in die Sitze fallen. Statt Hitze begrüßte uns eine Klimaanlage. Von vorn sahen uns zwei Inder erwartungsvoll an. Wo wir denn hinwollen, fragten sie. Nach Carvoeiro wäre toll! Kein Ding, sagte er, er käme von hier, er wisse, wo das wäre. Seine Worte verhallten noch im Innenraum des Autos, als er bereits das Gaspedal heftig durchdrückte.

Keine halbe Stunde später gestand er uns seine Liebe für deutsche Autos - seinen BMW. Wie gut solch ein deutsches Auto beschleunigen kann, zeigte er uns ausgiebig. Sehr ausgiebig. Mit größter Liebe auf den schmalen serpentinlastigen Straßen. Ich sah uns nicht am Ziel ankommen ... niemals.

Wie du dein Ziel verfehlst!

Statt dessen nahmen wir unzählige Umwege. Unsere Fahrt wurde zur Rundfahrt. Neben ihm saß sein Bruder, den er noch schnell zur Arbeit ein paar Orte weiterbringen musste. Wenn wir warten würden, könnte er uns danach direkt zu unserem Homestay fahren. Er kennt sich schließlich aus und hilft gern weiter! Sehr sympathisch!

Ich versuchte mich zu entspannen, was mir zugegebenermaßen schwer fiel, als sich mein Kopf immer wieder gegen meine Kopfstütze drückte. Durchatmen. Alles wird gut. Ablenken! In der Hoffnung, ihn ein wenig vom Rasen abzubringen, fing ich immer wieder an, ein Gespräch mit ihm zu führen. Klappte semi-gut.

Als wir seinen Bruder pünktlich auf der Arbeit abgegeben hatten, fuhren wir über unzählige Wege zurück, schlängelten uns durch kleine Gassen, fragten nach dem Weg, telefonierten sogar mit unserer Unterkunft. Sie war partout unauffindbar. Oder einfach zu schlecht beschrieben. Nach gefühlt 30 Minuten purem Hin- und Hergefahre, inklusive Sightseeing und Restaurantempfehlungen, hatten wir es endlich geschafft ...

Schon genial dieses Trampen: Wir hatten solch ein Glück bis zur Unterkunft im Nirgendwo gefahren zu werden, nebenbei noch Empfehlungen im Vorbeifahren zu erhaschen und dazu noch Insider-Infos über den Ort geschenkt zu bekommen ... einmalig! Danke, Trampen!

Die Sucht nach mehr

Kaum im Homestay angekommen, sehnten wir uns schon wieder danach, weiterzukommen. Gebadet in Sonnencreme und bewaffnet mit Hut und Wasserflasche führte uns unser Weg wieder zur nächsten Hauptstraße. Mein Glück, dass nach nicht mal einer Minute jemand einen Blinker warf ... das war verflogen. Immer wieder hielt ich meinen Daumen heraus, immer wieder fuhren volle Autos an uns vorbei, die entschuldigend lachend die Arme in die Höhe warfen. Wie gern hätten sie uns geholfen, schien es!

Wir liefen weiter. Die 3 km können wir doch auch laufen. Bei nun mehr 35 Grad, die sich wie mindestens 40 Grad anfühlten. Als ich mich gerade meinem Schicksal ergeben wollte, hielt 5 Meter von uns ein Auto an. Unser Fahrer machte uns gleich von Anfang an verständlich, dass er kein Englisch sprach. Und wir leider kein Portugiesisch (to do: Portugiesisch lernen!) - echt schade! Aber so genossen wir ganz einfach unsere Fahrt zum Strand. Von wegen die Portugiesen halten nicht an!

Auf unserer Rückfahrt hätte man dies allerdings meinen können, denn diese wurde keine Fahrt, sondern ein Weg. Unser Weg. Zu zweit. In der Abenddämmerung. Zum Glück wird es in Portugal abends kühler, so war der 3 km lange Rückweg - abgesehen von meiner immensen Blase am Haken - nicht so schlimm wie er es tagsüber gewesen wäre. An uns fuhren unzählige Autos vorbei. Alle voll. Zum Abend hin hatten wir kein Glück.

Kein Grund zur Frustration

Denn wenn wir eins gelernt haben: Es kommt nicht nur auf die Straße und Uhrzeit sein, sondern vor allem auch auf die Menschen, die gerade jetzt denselben Weg haben wie wir. Am nächsten Morgen wollten wir wieder Richtung Stadtkern. Wie am Tag zuvor ging es dieses Mal genauso schnell. Statt vieler Worte gab es dieses Mal laute Musik und offene Fenster. Entspannt. Gemütlich. Zu kurz die Fahrt!

Um allerdings freier und abhängiger zu sein, beschlossen wir, uns einen Roller zu mieten. Für 20 Euro pro Tag ist das wesentlich akzeptabler als die Preise eines Mietwagens. Da vor Ort jegliche Roller vergriffen waren, riefen wir in Portimão bei einem anderen Händler an. Wir hatten Glück. Unser Roller sollte in 30 Minuten zum Intermarché geliefert werden. Wir hatten nur ein Problem: Auch wir mussten wieder zu dem besagten Intermarché, schlappe 3 km entfernt ...

Schon ganz vertraut diese Geste, Daumen raus! Als wir gerade einen kleinen Berg passierten, kam uns ein Mann mit wedelnden Armen entgegen. Hinter ihm sein Auto. Er hatte angehalten! Für uns! Mal wieder! Es waren keine 5 Minuten vergangen, als uns dieses liebenswerte Pärchen Teil seines Weges haben ließ. Freundlich lächelten sie uns an, als wir in ihr Auto stiegen. Junge Menschen würden sie immer mitnehmen, vor allem bei solch einer Wärme! :)

Ein Fazit: Die Kunst des Trampens

Als wir knapp 15 Minuten später unseren Roller entgegen nahmen, endete zwar unser erstes richtiges Tramp-Abenteuer, dafür begann aber auch endlich wieder ein Stück Freiheit uns des Weges zu begleiten!

Wir hatten nicht nur viele Menschen kennengelernt, sondern auch viele Schmunzler kassiert, als uns all diese vollen Autos passierten, lächelnd die Schultern zuckten oder uns hupend zu winkten. Wie gern hätte ich all diese Menschen persönlich für ein Stück ihres Weges begleitet. Wie gern hätte ich ihren Geschichten gelauscht! Wie gern hätte ich ihre Lieblingsorte kennengelernt.

Aber auch wenn ich sie noch nicht alle kenne, umso mehr habe ich mich über jedes einzelne Lächeln und jeden Tipp gefreut. Menschen können so selbstlos sein, so hilfsbereit! Was hätten wir nur ohne die zwei indischen Brüder getan! Wahrscheinlich wären wir, mitsamt unseres Gepäcks, noch ewig durch die Straßen geirrt.

So konnten wir gemeinsam darüber lachen. Wir konnten gemeinsam die Geschichte unseres Lebens schreiben. Jeder ein Stück. Von wegen Portugiesen halten nicht an! Vielleicht nicht überall. Vielleicht ist es auch außerhalb der eher touristisch geprägten Gegenden viel viel schwieriger, vielleicht aber auch nicht. You never know.

Es kommt nur darauf an, ob ihr Weg heute auch dein Weg ist. Das ist das Entscheidende. Entweder ihr geht ihn gemeinsam oder ihr geht ihn allein.

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City, Cultures, Landscapes, Backpacking, Tips and Tricks
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Deutsch
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