Atmen lernen am Grand Canyon
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Atmen lernen am Grand Canyon
2017-10-27
by LivingtheWorld
Atmen lernen am Grand Canyon
  •  United States
Grand Canyon - du hast mich atemlos gemacht. Du hast mir gezeigt, dass du alles überstehst und mich überzeugt, dass du mich lange überleben wirst. Ich bin begeistert von dir, lass mich bald wieder deinen Anblick genießen.
„So, und jetzt die Augen zu!“

Ich halte irritiert inne und greife zur Sicherheit die offene Autotür. Was habe ich da eben gehört?

Mit fragendem Blick drehe ich mich um. „Was? Ich glaube ich habe dich nicht richtig verstanden.“

Meine Mama lächelt und nickt bekräftigend. „Doch doch. Ich habe gesagt, du sollst die Augen zu machen.“

Meine Verwirrung wächst. Ich blicke mich auf dem ziemlich vollen Parkplatz des Visitor Centers am Grand Canyon um und versuche zu begreifen, was und warum meine Mama das will. 

„Ich würde aber sehr gerne den Grand Canyon sehen ohne mich von ihm zu stürzen“, erkläre ich vorsichtig.

Sie grinst nur breit weiter. „Ich passe schon auf dich auf“, versichert sie mir.

‚Mega peinlich‘ schießt es mir durch den Kopf, aber sie freut sich wie ein kleines Kind auf Weihnachten und schließlich ist es meine Mama, also füge ich mich kopfschüttelnd meinem Schicksal. Sie greift nach meiner Hand und zieht mich mit sich.

Der Tag ist noch frisch, die Sonne erst seit ein paar Stunden aufgegangen und ein kühler Wind weht mir entgegen. Ich bin froh meinen Pulli dabei zu haben. Mit langsamen Schritten kommen wir voran. Ich merke festen Teer unter meinen Sohlen und auch, dass es ganz leicht aufwärts geht. 

Um mich herum höre ich Stimmen, in vielen Sprachen sprechen die Besucher miteinander. Ob man von hier schon was sehen kann? Hinter meinen geschlossenen Lidern ist es hell, aber wo ich mich gerade befinde, kann ich nicht ausmachen. Ich spüre nur, wie meine Mama an meiner Hand zieht, ungeduldig. 

Ich versuche mich auf meine anderen Sinne zu konzentrieren. Höre ich etwas? Neben den vielen Besuchern um mich herum ist nicht viel auszumachen. Der Wind saust an meinen Ohren vorbei, nicht besonders stürmisch. Nur als wäre man eben weiter oben und nicht auf gleicher Höhe mit dem Meer. 

Kann ich etwas besonderes riechen? Nicht direkt, aber die Luft scheint frischer und klarer. Ich atme tief ein und genieße den kühlen Unterschied zur heißen Wüstenluft Nevadas, der wir gestern Abend erst entflohen sind. 

Plötzlich merke ich, wie sich der Untergrund ändert. Meine Turnschuhe treffen nicht mehr länger auf Asphalt, Schotter knirscht zu meinen Füßen. Die Stimmen um mich herum werden ruhiger und leiser. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Menschen weniger geworden sind, nur stiller. Sind wir da?

Meine Mama ändert die Richtung und zieht mich nach links, scheinbar sucht sie einen guten Platz, vielleicht den perfekten. Aufregung macht sich in mir breit und ich merke, wie sich mein Mund zu einem breiten Grinsen verzieht. Vielleicht war die Idee mit den geschlossenen Augen doch nicht so schlecht. 
Sie wird langsamer und schließlich fühlen meine Hände warmes Metall, ein Geländer? 


„Sind wir da? Kann ich die Augen öffnen?“, frage ich und höre selbst die Aufregung in meiner Stimme. 

„Ja, aber vergiss nicht zu atmen“, sagt sie leise neben mir. Ich öffne meine Augen.
 
‚Guter Hinweis‘, schießt es mir noch durch den Kopf, während ich mich krampfhaft versuche, an die Bedeutung der eben gehörten Worte zu erinnern. Meine Hände fassen das Geländer vor mir fester, während mein Gehirn Schwierigkeiten hat das, was meine Augen sehen, zu verarbeiten.

„Wow“, flüstere ich leise.

Vor mir liegt die Weite des Grand Canyon. Die Rot-, Braun- und Grüntöne wechseln sich harmonisch ab. Die Luft ist unglaublich klar, mein Geruchsinn hat mich vorhin nicht getäuscht. Mein Blick gleitet über die unendliche Felsenlandschaft. Das Bild ist so scharf, dass ich die einzelnen Gesteinsschichten bis in weite Ferne unterscheiden kann. 

Über dem Canyon spannt sich ein blauer Himmel, die Wolken zaubern stellenweise ein gleichmäßiges Mosaik über mir. Ich blinzele gegen das helle Blau, ein Adler dreht eine langsame Runde über uns, schwebt weiter über den Canyon und wird schließlich so klein, das meine Augen ihn nicht mehr sehen können. 

Um mich herum herrscht Stille. Niemand wagt diesen Moment mit einer Bemerkung zu unterbrechen. 

‚Wie unfassbar klein ich bin‘, denke ich, während meine Augen das Bild vor mir aufsaugen. Das karge Grün der wenigen Büsche, die sich entlang der Felsen einen kleinen Lebensraum erkämpft haben. Die kahlen kleinen Baumreste derer, die es nicht geschafft haben. Das Wolkenspiel ganz weit am Horizont, wo der Canyon und der Himmel aufeinander treffen. 
 
Ich sehe auf meine Hände, die immer noch das Geländer umklammern. Langsam löse ich meinen Griff, entspanne die angestrengten Muskel, vertraue meinen Beinen, dass sie mich halten.


Ich begreife langsam die Schönheit vor mir. Ich schaue nicht auf ein gemaltes Bild,  nicht auf ein Foto, nicht auf einen Computer-Bildschirm. Ich stehe tatsächlich hier, verschwindend winzig im Gegensatz zu den Felsen vor mir, unbedeutend. Noch viele hundert Jahre nach mir wird dieser Canyon existieren, werden die Felsen die einzelnen Gesteinsschichten einem noch unbekannten Publikum präsentieren. 

Ich atme die klare Luft ein, fülle meine Lungen mit dem nötigen Sauerstoff und erinnere mich an den Hinweis meiner Mama. Das war ein guter, den gebe ich gerne an dich weiter. 


Grand Canyon - du hast mich atemlos gemacht. Du hast mir gezeigt, dass du alles überstehst und mich überzeugt, dass du mich lange überleben wirst. Ich bin begeistert von dir, lass mich bald wieder deinen Anblick genießen. 
 
Warst du auch schon mit deiner Mama im Urlaub? Erzähl uns in den Kommentaren von deinen Erfahrungen.
 
 

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Tags:
Roadtrip, USA, Grand Canyon
Categories:
Sights, Road Trip, Landscapes
Language:
Deutsch